"Schon immer mein Lebenstraum"

Interview mit Thomas Hühler, dem Leiter des "Herzensfonds"

Mit dem „Herzensfonds“ möchten Sie kranken Kindern helfen. Wie kamen Sie dazu? Aus persönlicher Betroffenheit?

Gesundes KindNein, eigentlich nicht. Das ist seit frühester Jugend mein Lebenstraum. Ich kann gar nicht genau sagen, wie und woher er kam, er war einfach schon immer da, seit ich denken kann. Es ist mir ein tiefes persönliches Anliegen, Menschen zu helfen, die unverschuldet in schwere Notlagen geraten sind. Besonders liegen mir Kinder am Herzen. Wir haben selbst zwei gesunde Kinder, und allein der Gedanke daran, dass dies nicht so wäre, ist unerträglich. Es gibt aber viele Eltern, die dieses Glück nicht haben. Dazu kommt, dass ich mich in den letzten Jahren aus persönlichem Interesse viel mit medizinischen Themen beschäftigt habe. Dabei ist mir klargeworden, dass es auch neben der klassischen Schulmedizin großartige Möglichkeiten gibt, Krankheiten zu heilen und Menschen zu helfen. Die Schulmedizin hat Großartiges geleistet. Aber man könnte so viel mehr erreichen, wenn man schulmedizinische Behandlungen mit den Möglichkeiten der Natur- und Erfahrungsheilkunde verbinden würde. Damit auch kranke Kinder davon profitieren können, habe ich den Fonds ins Leben gerufen.

Viele Mediziner sehen das anders ...

... aus Gründen, die mir unerfindlich sind. Meines Erachtens ist unser heutiges Gesundheitssystem zu stark kommerziell geprägt und gesteuert. Die „wissenschaftliche“ Medizin konzentriert sich im Wesentlichen darauf, Symptome zu behandeln und zu lindern, statt die Ursachen anzugehen. Letztlich geht es allzu sehr darum, Geld zu verdienen und Aktionäre zufrieden zu stellen. Deshalb hat ein ganzer Industriezweig kein Interesse an der Einbindung natürlicher Heilmethoden, weil sie einfach keinen Profit bringen und teilweise in Konkurrenz zu pharmazeutischen Produkten stehen.

Ihr Fonds soll erfolgversprechende Behandlungen mit „komplementären“ Heilweisen ermöglichen, wenn die Schulmedizin an Grenzen stößt. Woher nehmen Sie die Zuversicht, dass Erfolge in solchen Fällen überhaupt zu erwarten sind? Befürchten Sie nicht, dass der Fonds viel Geld für wirkungslose Pseudokuren verbrennen wird, für die es keine wissenschaftliche Evidenzbasis gibt, wie Kritiker bemängeln?

Ja was ist denn die Alternative? Es ist doch eine Tatsache, dass die klassische Schulmedizin insbesondere einen Großteil der chronischen Erkrankungen nicht heilen kann. Auf der anderen Seite gibt es teilweise jahrhundertelange gute Erfahrungen mit natürlichen Mitteln und Verfahren. Also was habe ich denn als Patient zu verlieren, wenn ich einen anderen Weg gehe? Natürlich kann es sein, dass auch die Komplementärmedizin keine Heilung vollbringt, aber einen Versuch ist es doch allemal wert. Und die praktische Erfahrung zeigt, dass es erstaunlich oft funktioniert.

Oft genug?

Die große Kunst besteht darin, die richtige Therapie und einen erstklassigen Therapeuten zu finden. Das kann durchaus eine Weile dauern. Aber dann stehen die Chancen gut. Wenn ich persönlich wählen müsste zwischen einer „evidenzbasierten“ Methode mit Chemiekeule inklusive Nebenwirkungen und einer natürlichen Methode, wo oft einfach die Erfahrung zeigt, dass sie funktioniert, dann fiele mir die Wahl nicht schwer. Und über den Begriff „evidenzbasiert“ kann man ohnehin trefflich streiten …

Sprechen Sie da aus eigener Erfahrung?

Ich bin kein Mediziner oder Naturwissenschaftler. Aus persönlichem Interesse habe ich mich autodidaktisch viel mit medizinischen Themen beschäftigt. Natürlich gab es im Kreise der Familie auch immer mal wieder Situationen bzw. Erkrankungen, wo ich mit den Ergebnissen und Ansätzen der Schulmedizin unzufrieden war, z. B. bei Allergien. Auch finde ich, dass Antibiotika gerade bei Kindern meist viel zu früh und viel zu oft eingesetzt werden. Ich habe viel gelesen und dann einfach vieles ausprobiert. Es war der klassische Weg von Versuch und Irrtum. Natürlich hat nicht alles funktioniert, aber einige Dinge sehr wohl. Ich finde es fahrlässig, auf bewährte Mittel aus der Natur zu verzichten, nur weil Pharmakonzern XY sagt, sein Mittel wirke besser, obwohl es dafür keinen Beweis gibt und die Praxis anders aussieht.

Um ein krankes Kind mit homöopathischen Globuli zu versorgen, dürften ein paar Euro pro Monat genügen. Aber manche „alternativen“ Therapien verschlingen vierstellige Summen, gelegentlich sogar noch mehr. Woher nimmt Ihr Fonds die nötigen Mittel?

Meine Frau und ich werden die finanzielle Erstausstattung des Fonds aus eigener Tasche vornehmen. Im vergangenen Jahr sind wir beide Vierzig geworden. Für die gemeinsame Geburtstagsfeier haben wir um Geldgeschenke gebeten. Am Abend der Feier haben wir unseren rund fünfzig Gästen  unsere Idee eines Hilfsfonds vorgestellt und versprochen, dass von den Geldgeschenken jeder Euro Kindern in Not zugute kommen wird. So kamen immerhin 1.200 Euro zusammen. Zusätzlich hatten wir auf einen Schlag fünfzig Freunde und Verwandte mit im Boot. Das anschließende Feedback darauf war sehr positiv, viele haben uns ihre Unterstützung angeboten, sobald es losgeht. Wir hoffen, dass der eine oder andere zum Start des Fonds ebenfalls noch etwas beisteuert. Wir werden auch noch selbst etwas drauflegen. Mit dem dann vorhandenen Startkapital werden wir erst einmal klein beginnen und die ersten Hilfsprojekte für Kinder mit schweren Schicksalen starten. Alles andere wird sich finden. Je mehr und je effizienter wir helfen, desto einfacher dürfte es anschließend sein, weitere Hilfe, also auch Spenden zu gewinnen.

Befürchten Sie nicht, dass der „Herzensfonds“ von Hilfegesuchen überschwemmt wird, sobald sich herumspricht, dass es ihn gibt?

Das kann natürlich passieren, aber das Risiko müssen wir eingehen. Natürlich sind die Mittel des Fonds begrenzt. Ich selbst kann nur eine Starthilfe geben und dann beginnen, Kindern zu helfen. Danach hoffe ich, dass es genug Menschen gibt, die bereit sind, für diese gute Sache zu spenden, damit wir den Fonds immer wieder auffüllen und weiterhelfen können.

Ihr Fonds hilft nur bei erwiesener Bedürftigkeit. Wie stellen Sie die denn fest?

Ähnlich wie andere karitative Einrichtungen: mit einem Antragsformular, das Hilfesuchende ausfüllen. Dass ihre Angaben zutreffen, belegen sie uns durch Einkommens- und Vermögensnachweise.

Die Kosten erfolgversprechender Behandlungen zu übernehmen, wäre eigentlich eine Sache von Krankenversicherungen. Wurmt es Sie nicht, mit eigenen Mitteln einzuspringen, bloß weil Kassen sich weigern, ihre Aufgabe zu erfüllen?

Ja, das wurmt mich gewaltig. Ein einfaches Beispiel: Ich verstehe nicht, warum die Kassen Milliarden für Chemotherapien ausgeben, deren realer Nutzen sehr zweifelhaft ist, evidenzbasiert hin oder her. Und wer mit Onkologen privat spricht, stellt fest, dass acht von zehn sich selbst nicht mit der schulmedizinisch empfohlenen Standardtherapie behandeln lassen würden. Trotzdem wird hier von den Kassen fleißig bezahlt. Andererseits haben sie für eine Sauerstofftherapie, mit der schon ein Manfred von Ardenne vor Jahrzehnten phantastische Erfolge erzielt hat, keinen Cent übrig. Der Unterschied? Mit Chemotherapie lassen sich eben Milliarden verdienen, mit Sauerstoff nicht. Deshalb hat die Industrie kein Interesse an solchen natürlichen Therapien. Das ist ein dramatischer Fehler im System, denn es wird praktisch nur nach chemischen Mitteln geforscht, die man patentieren und vermarkten kann.

Welche Vision verbinden Sie mit dem „Herzensfonds“? An welchem Punkt würden Sie irgendwann sagen: „Jetzt ist es gut so – das Ziel ist erreicht, auf das hin ich den Fonds eingerichtet habe“? Wann wären Sie zufrieden?

karitativDas kann ich heute noch nicht sagen. Alles was ich will ist, das Startkapital einzubringen und damit Gutes zu tun. Der Rest wird sich dann entwickeln. Es kann sein, dass wir zu wenige Menschen finden, die das Projekt unterstützen - dann ist es schneller zu Ende, als uns lieb ist. Aber dann haben wir immerhin etwas getan, das ist besser als nichts. Es kann auch passieren, dass wir im Laufe der Zeit immer mehr Menschen dafür gewinnen können, den Fonds mit ihren Spenden zu unterstützen. Das wäre eine schöne Situation, denn es gibt so viele Kinder, die unsere Hilfe brauchen, dafür wird wohl nie genug Geld im Fonds sein. Im Prinzip kann der Fonds also ewig weiterlaufen.
Das ist meine Vision: etwas zu schaffen, was Kindern hilft, und das dauerhaft.

Dass ein Finanzfachmann nebenbei karitativ tätig wird, kommt nicht alle Tage vor. Was veranlasst Sie dazu?

Wie gesagt, das ist seit frühester Jugend ein Lebenstraum. Ich will das einfach tun. Das hat mich in all den Jahren angetrieben. Als ich Vierzig geworden bin, habe ich mir gesagt: Jetzt setze ich es um. Denn Lebensträume sollte man nicht zu weit in die Zukunft schieben, sonst werden sie niemals wahr.

Was sagt Ihre Familie zu Ihrem Engagement?

Meine Familie unterstützt mich, allerdings muss ich schauen, dass ich das zeitlich und organisatorisch alles unter einen Hut bekomme. Denn ich habe einen sehr intensiven Job und möchte natürlich auch meine Familie keinesfalls vernachlässigen. Eine große Herausforderung …

Sie hätten diesen Fonds auf eigene Faust realisieren können, tun das aber unter dem Dach der Stiftung Auswege. Weshalb?

Der eigentliche Plan war es, eine eigene Stiftung oder einen eigenen Verein auf die Beine zu stellen, der Kindern hilft, die durch schwere Krankheiten, Gewalt oder andere Katastrophen Hilfe benötigen. Ich habe dann ausführliche Recherchen zu rechtlichen, finanziellen und organisatorischen Aspekten der Gründung einer eigenen Stiftung angestellt und Gespräche mit Vorständen bestehender Stiftungen und Vereinen geführt. Nach reiflicher Überlegung haben wir das Vorhaben, eine eigene Stiftung aufzubauen, verworfen. Der administrative und finanzielle Aufwand, ehe das ganze Konstrukt steht, ist enorm hoch. Es würde Monate, wenn nicht Jahre dauern, ehe die Stiftung überhaupt arbeitsfähig wäre, und einige Tausender an Beratungshonoraren verschlingen, von der Zeit und den Nerven ganz zu schweigen. Auch benötigt man einen sechsstelligen Stiftungsbetrag, um das Ganze überhaupt genehmigt zu bekommen. Und dieser stattliche Betrag darf anschließend nicht genutzt, d. h. nicht für Hilfsprojekte für Kinder verwendet werden, sondern nur die Erträge aus dem Stiftungskapital und zusätzliche Spenden, die reinkommen. Das Kapital wäre also mehr oder weniger „tot“ und man könnte am Ende nicht das damit machen, was wir vorhaben, nämlich Kindern zu helfen.

So fanden Sie schließlich zu „Auswege“?

Ja. Nach mehreren Gesprächen mit Herrn Dr. Wiesendanger bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es deutlich sinnvoller ist, mich hier mit einzubringen, statt das Rad noch einmal neu zu erfinden. Wir wollen kranken Kindern einfach möglichst pragmatisch und effizient helfen. Bei „Auswege“ ist alles bereits vorhanden, was wir brauchen, wir können praktisch sofort beginnen, ohne unsägliche Bürokratie und unnützen Aufwand. Mir war es von Anfang an wichtig, dass jeder Euro, der in den Fonds fließt, auch bei den Kindern ankommt. Durch die Zusammenarbeit mit der Stiftung Auswege erreiche ich genau das. Ich habe keine sinnlosen Nebenkosten. Meine Frau und ich arbeiten komplett ehrenamtlich. Dinge wie Fahrtkosten, Bürokosten etc. zahlen wir aus eigener Tasche. Jeder einzelne Euro, der dem Herzensfonds zukommt, soll ohne irgendeinen Abzug für die kranken Kinder verwendet werden. Das sagen wir jedem, der bei uns spendet, fest zu. Außerdem wird jeder, der uns sein Vertrauen und auch Geld anvertraut, in regelmäßigen Abständen genau erfahren, was mit seinem Geld passiert ist, damit jeder sehen kann, wie sinnvoll das war.

Herr Hühler, herzlichen Dank für dieses aufschlussreiche Gespräch.
Das Interview führte Dr. Harald Wiesendanger.

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